Circula Heritage: Warum alt manchmal neu sein kann

Die Kombination von alt und neu in einem Produkt hat auf mich immer schon eine unglaubliche Faszination ausgeübt. Im Regelfall besinnt man sich bei diesen Produkten auf alte Formen zurück und kombiniert diese mit neuer, zeitgemäßer Technik.

Doch was kommt heraus wenn man den umgekehrten Weg geht, also eine historische Technik in ein modernes Kleid verpackt? Die Antwort zu dieser Frage habe ich in der vergangenen Woche gesucht, als ich die Heritage Handaufzug der deutschen Uhrenmarke Circula Probetragen durfte.

Circula: 70 Jahre und dennoch Startu-Up Charakter

Um zu verstehen, wie der Gründer von Circula, Cornelius Huber, auf diese ungewöhnliche Idee gekommen ist, muss man zunächst einen Blick in die Geschichtsbücher der Marke werfen. Betrachtet man den modernen Auftritt der Marke auf Instagram & Co, gelangt man vermutlich schnell zu der Annahme, dass Circula vor maximal zwei Jahren als Start-Up gegründet worden ist.

Und diese Annahme trifft auch zu, aber eben nur in Teilen. Denn die Marke Circula wurde bereits im Jahr 1955 aus der Taufe gehoben und zwar von Heinz Huber, dem Großvater des heutigen Firmenlenkers. Nachdem Circula dann über lange Zeit im Dornröschenschlaf war, wurde ihr 2018 durch Cornelius Huber wieder Leben eingehaucht und nach dem Debüt mit einer Quarz- und Automatikvariante, setzt Circula nun mit der Heritage-Linie zum großen Wurf an. Doch dazu gleich im Detail mehr.

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Es lohnt sich nämlich durchaus auch einen genaueren Blick in die Vergangenheit zu werfen. Die „moderne“ Marke Circula ist mir vor der Heritage Handaufzug schonmal begegnet, von den historischen Modellen habe ich davor noch nichts wahrgenommen. Doch wenn man in der entsprechenden Sektion auf der Website einen Blick auf diese Modelle wirft, stellt man schnell fest, dass man hier etwas verpasst hat. Und dass das Talent für die Gestaltung schöner Produkte wohl wirklich in der Familie zu liegen scheint.

Eine Augenweide: Ein Chronograph des Circula Urvaters Heinz Huber, Großvater des heutigen Geschäftsführers Cornelius Huber

Vintage Uhr von deutscher Uhrenmarke Circula
Quelle: Circulawatches.com

Besonders angetan hat es mir das oberhalb abgebildete historische Modell mit der typischen Kissenform, die in den 1970er Jahren wohl ihre Hochzeit erlebt hat. Eigentlich bin ich kein großer Anhänger dieser Gehäuseform, doch diese Uhr löst etwas in mir aus dass ich nur schwer beschreiben kann.

Die Farbkombination des Zifferblatts, die orangenen Zeiger sowie die Gestaltung der Totalisatoren in Verbindung mit dem Gehäuse, ergeben ein Gesamtwerk, dass mir persönlich deutlich besser gefällt als so mancher vermeintlicher Klassiker aus der Zeit, der deutlich populärer war, beziehungsweise ist. Als potentieller Kunde äußere ich daher an dieser Stelle meinen frommen Wunsch nach einer Neuauflage dieser historischen Kollektion.

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Doch genug der Vergangenheit, wir kehren zurück in die Moderne zur Heritage Handaufzug und zwar der Variante mit weißem Zifferblatt, Edelstahlgehäuse und einem Band aus Velours in Anthrazit. Wenn man sich der Uhr auf den ersten Blick nähert, wirkt sie erst einmal sehr modern und nichts lässt auf das historische Innenleben schließen.

Design der Heritage Handaufzug: Altes Schätzchen im neuen Kleid

Mit einem Durchmesser von 39mm besitzt sie das Gardemaß für Dresswatches und die Höhe von 9,9mm unterstreicht die Eleganz dieses Zeitmessers. Die Circula ist eine Uhr die man jeden Tag tragen kann und die in der Außenwahrnehmung sicher unter dem Radar fliegt. Eine Eigenschaft die ich an Uhren sehr mag, natürlich hat auch eine laute Uhr seine Reize, aber für eine Uhr die man jeden Tag trägt ist ein schlichtes Erscheinungsbild in Kombination mit technischen Besonderheiten die nur der wahre Kenner sieht für mich die Königsdisziplin.

Das erste Element was mir an der Circula richtig gut gefällt, ist das Uhrarmband aus Velour. Wie auch beispielsweise in der Innenausstattung bei Autos sieht es zugleich edel und sportlich aus und, das Wichtigste, trägt sich sehr angenehm. Das Band ist mit einem Schnellwechselsystem ausgestattet, was sicherlic vorbildlich ist, jedoch hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis die Uhr mit einem anderen Band zu kombinieren.

Egal ob zum Businesshemd oder zum sportlichen Outfit: Mit dem Velours-Uhrenarmband macht die Circula immer eine gute Figur

Dresswatch aus Pforzheim

Das Gehäuse selber ist eher klassisch und klar gestaltet wie auch das Zifferblatt. Letzteres ist angenehm aufgeräumt und hat auf der 12- und 6-Uhr Position arabische Ziffern und ansonsten Striche in Kombination mit Punkten als Indizes. In der Mitte befindet sich das, aus meiner Sicht sehr gelungene, Circula-Logo, dass aufgrund der Schriftart einen Retro-Charme vermittelt. Über der 6-Uhr-Position ist der Schriftzug 17 Rubis, angebracht, also die Anzahl der Lagersteine.

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Bis zu diesem Zeitpunkt hat ich das Zifferblatt ehrlicherweise recht unemotional gelassen. Wenn man es mit einem Fußballer vergleichen müsste käme mir Philipp Lahm in einem durchschnittlichen Spiel in den Sinn: kein Fehler gemacht aber eben auch viele Sicherheitspässe. Der Grund warum ich das Design trotzdem als abolut gelungen bezeichne sind die Zeiger. Angefangen von der blau-weißen Farbkombination bis hin zur Läge und zur Form.

Ich bin ohnehin ein großer Fan von blauen Details bei Uhren, sei es bei Zifferblättern, Armbändern oder eben Zeigern, daher ist mein Urteilsvermögen vielleicht leicht getrübt in Bezug darauf, aber zumindest ich vergebe für die Zeiger die volle Punktzahl. Ganz objektiv wird mir sicher trotzdem jeder Betrachter zustimmen, dass hiermit ein echtes Highlight in Kontrast zu dem schlichten Zifferblatt gesetzt worden ist.

Das Zifferblatt: Eine schlichte Basis mit den blauen Zeigern als Designhighlight

Zifferblatt der Circula Heritage Handaufzug Uhr

Ein weiteres Ausrufezeichen setzt Circula mit der Krone die von der Form auf den ersten Blick aussieht wie eine Krone mit integriertem Drücker. Auf der Krone selber ist eine Unruh zu sehen, ein Detail dass auch Namensgeber der Marke ist. Denn die Marke Circula hat ihre Bezeichnung von dem zirkulieren der Unruh in mechanischen Werken.

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Das Gehäuse seitlich ist aus gebürstetem Edelstahl, während die Lünette poliert ist. Ein positives Detail was Uhren generell interessanter und eleganter erscheinen lässt und auf eine Liebe zum Detail beim Designer schließen lässt. Dem hohen Qualitätsanspruch folgend schützt ein Saphirglas mit geringer Wölbung das Zifferblatt, welches, logisch bei der schlichten Gestaltung, exzellent ablesbar ist.

NOS Handaufzug schlägt die Brücke in die Vergangenheit

Kommen wir nun zum Highlight der Uhr, dem Werk das auf der Rückseite durch einen Sichtboden zu sehen ist. Das Handaufzugswerk trägt den Namen P.U.W. Kaliber 561 und ist ein sogenanntes NOS-Werk. NOS ist die englische Abkürzung und steht für „New Old Stock“ also quasi ein historisches Werk was allerdings nie in Verwendung war und deshalb trotz des Alters neuwertig ist. NOS-Produkte egal ob bei Autos, in der Mode oder eben bei Uhren sind besonders begehrt, da sie logischerweise extrem selten sind und die Vorstellung etwas zu besitzen, dass mehrere Jahrzehnte in einer staubbedeckten Box darauf gewartet hat wieder das Licht der Welt zu erblicken, einfach eine gewisse Faszination ausübt.

Das Werk der Pforzheimer Uhren-Rohwerke wurde in den 1970er Jahren hergestellt und dann als die Absatzchancen mit der Quarzkrise sanken, an einen Uhrmacher verkauft. Nun also hat sie der Enkel des Gründers wieder zum Leben erweckt und setzt diese historischen Uhrwerke in ein modernes Gehäuse ein. Ich bin sicherlich kein Experte was Uhrentechnik angeht, aber was selbst ein interessierter Laie erkennt ist, dass die Uhrwerke in den 70er Jahren deutlich mehr auf Funktion und Langlebigkeit ausgerichtet waren als auf die filigrane Optik die man heutzutage oft sieht.

Der Sichtboden der Circula offenbart den Blick auf das NOS Werk

Rückseite Handaufzug Werk der Heritage Handaufzug

Was ich extrem faszinierend finde ist, dass man von dem Alter aber weder etwas sieht noch spürt. Eigentlich ist dies natürlich logisch da es ja unbenutzte Werke sind, dennoch ist es einfach schwer zu begreifen, wenn man das mehr als 40 Jahre alte Werk per Hand aufzieht und sich jedes Detail einfach absolut rund und neuwertig anfühlt. Dies ist die erste Uhr mit Handaufzug die ich tragen durfte, von daher fehlen mir hier die Vergleichswerte, aber wie in diesem Video ersichtlich scheine ich mit meinem Eindruck, dass sich dieses Werk grandios anfühlt, nicht falsch zu liegen.

Mein Fazit zur Circula Heritage Handaufzug

Da die Uhr, die komplett in Pforzheim in Deutschland gefertigt ist, logischerweise bei dem Uhrwerk aus einem sehr endlichen Schatz schöpft, ist die Stückzahl auf 499 limitiert. Der aktuelle Preis liegt bei 790€. Ja, das ist viel für eine Uhr mit Handaufzug einer jungen Marke. 

Ist der Preis in diesem Fall angemessen? Definitiv, den Knappheit und Alter sind den Gesetzen des Marktes nunmal zwei Faktoren die man an dieser Stelle berücksichtigen muss. NOS Sonnenbrillen beispielsweise erzielen regelmäßig das zwei- bis dreifache der modernen Variante, einfach aufgrund ihrer Limitierung und des Alters. 

Und in vielen Fällen kann man sich noch nicht einmal sicher sein ob man wirklich ein NOS-Produkt erworben hat. Bei der Circula Uhr besteht in diesem Punkt hingegen absolute Gewissheit und der Aufpreis den man zahlt liegt deutlich unter dem Betrag den diese Uhr mit einem modernen Werk kosten würde. Ich möchte nicht soweit gehen und zu sagen, dass diese Uhr preiswert ist, aber angemessen definitiv.

Leseempfehlung

Mein Fazit nach einer Woche am Handgelenk fällt daher wirklich positiv aus. Sie ist angenehm zu tragen, lässt sich sowohl zum sportlichen als auch klassischen Look kombinieren und man hat das Gefühl eine moderne Uhr zu bedienen. Die Circula Heritage Handaufzug ist sicher kein Modell für jeden, sondern eher etwas für Uhrenliebhaber die auf der Suche nach etwas Besonderem sind.